Die Dusche
Es fing damit an, dass Er nach der Gartenarbeit und nach der schlussendlichen Reinigung der elektrischen Kettensäge eine Menge Öl an Seinen Fingern kleben hatte. Auch unter der Dusche hielten sich einige wenige dieser Flecken noch hartnäckig, selbst nach einigem unnachgiebigem Schrubben. Eigentlich war Er nie vom übermäßig reinlichen Typ gewesen. Das hier war aber etwas, das Seine Aufmerksamkeit verlangte. Das Öl musste weg.
Er stieg, ohne sich viel Gedanken um die Wasserlache am Fußboden zu machen, aus Seiner Duschkabine und holte aus einer entlegenen Ecke Seines Schrankes im Flur ein kleines Glas Spezialseife. Das hatte Ihm mal ein Kollege aus einer Autowerkstatt mitgebracht, angeblich kaum für Normalsterbliche und unter normalen Umständen zu erwerben. Wieder unter der Dusche erledigten die kleinen Sandpartikel in dem Gemisch ihre Aufgabe mit Leichtigkeit und Seine Finger waren wieder rein. So dachte Er jedenfalls.
Am nächsten Tag bemerkte Er nämlich einige wenige Reste Öl unter einigen Seiner Fingernägel. Zu seinem Ärger war Ihm am Tag vorher etwas entgangen. Er machte sich an die Arbeit, was diesmal weniger Feuchte am Boden verursachte, weil Er in weiser Voraussicht die Spezialseife vom Vortag griffbereit gelassen hatte. Beim Schrubben und Reiben stellte Er jedoch fest, dass die Hartnäckigkeit des Schmutzes unter Seinen Nägeln nicht etwa in Nachlässigkeit, sondern in marginal zu langen Fingernägeln ihre Ursache hatte. Zum Leidwesen Seiner Badfließen stieg Er abermals aus der Dusche und kam mit Seiner besten Fingernagelschere unter die Dusche zurück. Zunächst wollte dieser Aktionismus noch keine Früchte tragen, da es Ihm nicht auf Anhieb gelang, die notwendige Kürze zu erreichen, dass die Spezialseife ihre Aufgabe zufriedenstellend erledigen konnte. Aber nach einigen Iterationen zwischen Schneiden und Schrubben war Er mit dem Ergebnis zufrieden. Als letztes legte Er die Schere neben die Spezialseife direkt in die kleine Schale an der Wand Seiner Duschkabine. Er hatte zwar nicht vor, bald wieder im Garten so viel Schmutz auf seine Finger zu bekommen, aber Er dachte sich, dass nicht jede Verunreinigung immer direkt sichtbar sein müsste. Er kam zu dem Schluss, dass beides, Schneiden und Schrubben, ganz natürlich zu einer jeden Tagesroutine gehören müssten. Zumindest wenn man an allgemeiner Reinheit des Körpers freudige Aufregung verspüren wollte. Und Er wollte, Er konnte.
Im Verlauf einiger Wochen des täglichen Wechselspiels zwischen Schneiden und Schrubben war Er bereits dazu übergegangen diesselbe Prozedur auch auf seine Füße anzuwenden, denn schließlich steckten diese entweder in stickigen Socken, einem perfekten Brutplatz für Keime und Ungeziefer aller Art, oder waren ohne Schutz ihrer Umwelt ausgeliefert. Beides verlangte seine Aufmerksamkeit und erweiterte sein Arsenal an Werkzeugen um eine Schere für seine etwas kräftigeren Fußnägel. Er begann auch damit, diese Werkzeug nun in der Dusche akribisch aufzureihen und am Morgen nach dem Aufstehen zu reinigen, desinfizieren und auf korrekte Funktion zu prüfen.
Im Verlauf der folgenden Wochen musste Er seinen Bekannten wegen der Spezialseife um Hilfe bitten. Eines Tages hatte er die Idee gehabt, dass es keinen Grund gäbe, deren Anwendung nur auf Hände und Füße einzuschränken. Er war dazu übergegangen, dieses wundervoll reinigende und leicht schmerzende Produkt auf seinem ganzen Körper anzuwenden. Der Schmerz zeigte Ihm trefflichst, wie wirksam das Mittel sein musste. Er sparte nur die sensibelsten Bereiche aus und nahm sich vor, diese mit ein wenig Abhärtung bald auch noch für sich zu erschließen. Zu seiner Freude und zum Leitwesen seiner Finanzen stellte er fest, dass der Produzent seines Schrubbmittels noch ein spezielles und anders konzipiertes Konzentrat, das mit Wasser zu verdünnen war, anbot. Er begann zunächst mit dem empfohlenen Verhältnis beim Verdünnen, doch ging Schritt für Schritt dazu über, die Menge an Wasser immer weiter zu reduzieren. Dabei ließ er sich von dem unbeschreiblich befreienden Gefühl leiten, das er jedes Mal in den ersten Stunden nach seiner abendlichen Duschroutine verspürte. Die Vorfreude dieses Gefühls war es auch, was sein Geist der zuweil langwierigen alternierenden Abfolge von Nagelpflege und Hautreinigung in freudiger Erwartung entgegensetzte. Er wusste, dass es sich am Ende lohnen würde.
Zwei weitere Entwicklungen ergaben sich relativ zeitgleich, betrafen aber verschiedene Teile seiner Tagesroutine. Am Morgen war er dazu übergegangen die Duschkabine und ihren gesamten Inhalt in Form von den für seine Abendroutine benötigten Flaschen, Tuben und Utensilien bis in die letzte Ecke und ins kleinste Detail mit einem sehr aggresiven, aber ebenso effektiven, Reiniger zu behandeln. Schließlich ergab es sich aus der einfachsten Logik, dass schmutziges Werkzeug nicht im Stande sein kann, etwas Reines hervorzubringen. Hierbei begrüßte er es als angenehmen Nebeneffekt, dass dieser Reiniger auch in Teilen auf seiner Haut offensichtlich Wirkung zeigte, weshalb er bei dieser Arbeit nie Handschuhe zu tragen pflegte. Da er auch am Abend immer länger in seiner Kabine zubringen musste, waren gleichzeitig seine sozialen Kontakte bis auf einige hölzerne Interaktionen auf Arbeit eingeschlafen. Außerdem war er offensichtlich nicht mehr sehr erpicht darauf, sich und seinem Körper unnötig Quellen von Schmutz zuzumuten. Aus diesem Grund war es auch mit wenig Konsequenzen verbunden, sich die Haare am ganzen Körper zu entfernen. Sie erschienen Ihm in letzter Zeit immer mehr wie eine Brutstätte von Keimen und Ungeziefer und immer weniger, wie ein Teil seiner Erscheinung.
Dies hatte jedoch auch die größte Erweiterung seines Arsenals und seiner Routine zur Folge. Zunächst verdoppelten sich die Reinigungsschritte, da diese nun zweifach, vor und nach der Enthaarung, durchgeführt werden mussten. Man kann nur reine Haut enthaaren und hiernach ist eine weitere Reinigung notwendig. Weiter ergaben sich neue Werkzeuge und Utensilien, die gepflegt, gewartet und geputzt werden mussten. Auch das Entfernen der Haare selbst war für Ihn eine steile Lernkurve, denn sein naiver Ansatz, die teuersten Klingenrasierer für die jeweiligen Körperpartien zu verwenden, entpuppte sich schnell als unhygienische und unzureichende Sackgasse. Nach einigen zeitfressenden Recherchen im Internet und Beratungsgesprächen bei Herstellern von Wellnessprodukten, stellte er fest, dass es eine optimale Kombination von Epillieren und Lasern gab, welche zwar nicht leicht zu erlernen war, aber immerhin deren Ergebnis für sich sprach. Hierzu war es außerdem notwendig die Dusche um spritzwassersichere Feuchtraumsteckdosen zu erweitern, bei derem ersten Test er sich beinahe selbst elektrifizierte. Doch nach einigen Tagen des Experimentierens und Vernachlässigen seiner Nahrungsversorgung war er zufrieden mit dem Zustand seiner Haut vollends zufrieden. Er merkte auch, dass sein Sauberkeitsrausch, der in den letzten Wochen auf einige Minuten nach der Routine zusammengeschrumpft war, wieder für längere Zeit anhielt. Dies stellte sich spätestens ein, nachdem er sich dazu überwunden hatte auch seine Wimpern in Angriff zu nehmen.
Die Sauberkeit hatte jedoch auch ihren Preis. Er wurde von sich zunehmend ausbreitenden, juckenden, nässenden und teilweise schmerzendem Hautausschlag geplagt. Nachdem er sich zu einem Besuch bei seinem Hautarzt hatte durchringen können, war er damit konfrontiert seine Haut mit eine sehr fettigen und reichhaltigen Lotion versorgen zu müssen. Zwar hatte er nichts gegen deren Anwendung, doch fühlte sich dadurch dazu motiviert seine Reinigungsroutine noch akribischer und hartnäckiger abzuarbeiten. Schlussendlich wurde davon der Effekt der verordneten Creme mehr als zunichte gemacht, sodass sich der Zustand seiner Haut zunehmends verschlechterte. Deshalb beschloss er, dass die Creme ihrer Aufgabe nicht nachkommen konnte, weshalb er sie immer seltener verwendete, ohne jedoch seine Unnachgiebigkeit beim Putzen zu verringern.
Je fingerfertiger er dabei wurde, sich rein zu machen und zu halten, desto ausgeklügelter wurden die notwendigen Arbeitsschritte. Anstatt die aufgewandte Zeit zu reduzieren, konzentrierte er sich ganz auf die Qualität des Ergebnisses, welches er vor Allem an seinem Gefühl der Lust zum Ende seiner Routine bemaß. Er beschloss, die Probleme mit seiner Haut schlicht zu ignorieren und konzentrierte sich weiter auf die Organisation seines Tagesablaufs. Im Zuge dessen beschloss er, seine Erwerbsarbeit einerseits aus Zeit-, als auch aus Hygienegründen, beiseite zu legen. Er hatte im Büro sowieso nur sehr wenig Gedanken an die Aufgaben in den Akten, sondern mehr nur an jene in seiner Dusche verwendet. Die neu gewonnene Zeit wurde schnell von neuen Routinen in Bezug auf Hautporen, seine Ohren, und seinem Intimbereich aufgefressen. Dabei war er zunehmends erschüttert, wie viele offene Baustellen er noch nicht als solche erkannt hatte. Dies gewährte ihm wiederum einen länger anhaltenden Zustand der Reinlichkeitsekstase.
Schließlich war er an dem Punkt angelangt, dass jeden Abend mehrere Wundkompressen notwendig waren, um seinen Körper ohne Schmerzen und vor allem Blutflecken auf der Wäsche betten zu können. Zunehmend entkräftet litt auch der angestrebte Sauberkeitsrausch darunter, da dieser sich nach jedem noch so energisch abgearbeiteten Ritual immer weniger einstellen wollte. Es erschien ihm nur noch wie ein Schatten im Vergleich zu seinen Erinnerungen aus der Anfangsphase, in der jeder Tropfen Öl, der sich aus seinen Fingern wand, Ihn in pure Extase versetzen konnte. Mit ungebrochenem Willen, verstärkte er seine Anstrengungen und verwickelte sich in einem Sog von Erschöpfung, Enttäuschung und Erdulung von Schmerzen.
Nach einigen Wochen fand man seinen Körper leblos zusammengekauert in seiner Kabine. Die örtlichen Versorgungsdienste hatten schon vor langer Zeit eine Untersuchung eingeleitet, welche zum Ziel hatte, die sprunghaft angestiegene Konzentration an Basen, Säuren und Tensiden im Abwasser auf den Grund zu gehen. Neue angesiedeltes Gewerbe ist eigentlich dazu verpflichtet, die Menge und Häufigkeit von solchen Stoffen bei den Stadtwerken anzumelden und genemigen zu lassen. Ohne diese Anmeldung dauerte es einige Wochen, bis Experten die Quelle in seine Wohnung zurückverfolgen konnten.
Dort fanden sie ihn besudelt mit erbrochenem Abflussreiniger, aber ohne Verwesungsspuren an seinem Körper, denn das Raumklima im Bad und besonders in der Dusche ließen die Existenz von Maden und Bakterien nicht zu. Es regierte der Geruch von Formaldehyd. Er hatte kurz vor seinem Ende einen letzten Versuch unternommen, sich über die Grenzen seiner Hygiene hinweg zu setzen, indem er sich seiner Darmflora zu entledigen suchte. Von deren Existenz hatte er erst im Verlauf seiner Reise gelernt und sich dieses Wissen zusammen mit einem Notfallplan für schwere Zeiten aufgehoben.