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Diskussion über das Gewicht des Wirklichen

“Texte zur Theorie der Fotografie” - Reclam Verlag (2010); PHILIPPE DUBOIS - Die Fotografie als Spur eines Wirklichen (1990), Seite 102ff.

Dubois diskutiert in diesem Text sehr angestrengt mit Zitaten und Argumenten die Antwort auf die Frage, wie viel Wirklichkeit in einer Fotografie, trotz aller Inszenierung während des Entstehungsprozesses steckt.

Ein Standpunkt sieht eine Fotografie als reine _Mimesis _(= künstlerische Nachgestaltung der Wirklichkeit), der andere hingegen das Foto, als eine Spur der Wirklichkeit, dessen Träger und Konservator dieses ist.

Im Text wird herausgearbeitet, in wie weit der zweite Standpunkt zutreffen kann.

Grundgedanke ist hierbei, dass eine Fotografie viele Symbole, Ikonen in Form von Inhalt, Komposition, technischer Umsetzung und weitere enthält. Diese stellen von Außen angeheftete Eigenschaften des Bildes dar. Doch als notwendige Voraussetzung dafür, dass dieses Foto überhaupt so entstehen konnte, ist die Tatsache, dass im Augenblick des Ablichtens die Wirklichkeit dem entspricht, was man auf dem Film zu sehen bekommt. Dies stellt einen signifikanten und unauflösbaren Unterschied zur Malerei dar, welche sich lediglich darum bemühen kann die Wirklichkeit so unverändert wie möglich wiederzugeben. Nach der Abstraktion und dem Abtragen aller von Außen angehefteten Eigenschaften bleibt also lediglich ein Abdruck des realen Momentes übrig. Doch allein die Art der Bildentstehung bei der Fotografie zwingt den Künstler gerade dazu eine Spur der Wirklichkeit aufzunehmen. Somit ist es für einen Betrachter unmöglich zu verleugnen, dass es-so-gewesen-ist.

Es stellt sich jedoch die Frage, wie viel Aufmerksamkeit man diesem kurzen Moment widmen will, welcher im gesamten Produktions- und Entstehungsprozess einer Fotografie keinen sehr großen Raum einnimmt. Einerseits zumeist zeitlich, da oft die Belichtungszeit nicht länger als ein Wimpernschlag ist und andererseits auch konzeptual, da der Fotograf absolut keinen Einfluss auf die chemischen und optischen Vorgänge an der Kamera hat. Zwar können diese von Typ zu Typ verschieden sein, doch letzendlich ist es immer die gleiche stattfindende chemische Reaktion, bei welcher Lichtunterschiede zu Farb- und Helligkeitsunterschieden führen. Somit stecken die größte Aussage und der größte Wert eines Fotos in der Konzeption davor und in der Post-Produktion danach. Und zwar in allen Momenten direkt vor und direkt nach dem Betätigen des Auslösers.

Doch stellen beide Standpunkte wirklich gegensätzliche Positionen dar? Denn eine Argumentation zielt auf die Tatsache ab, dass eine Fotografie als notwendige Voraussetzung hat, dass es einen Moment im Verlauf der Wirklichkeit gegeben haben muss, den das Foto wiedergibt. Der andere zielt darauf ab, dass gewisse Aspekte einfach wichtiger und maßgeblicher zu sein scheinen, als die Tatsache, dass ein Foto diese Spur der Wirklichkeit in sich trägt.

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