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Maximaler Konsum

Im selben Moment als die Ware und deren Konsumption auf der Bühne der Welt entstanden ist, begann auch ihr Fluch uns in ihren Bann zu ziehen. Es scheint, als habe in diesem Augenblick die Menschheit die Kontrolle über einen kleinen Teil von sich selbst verloren. Blickt man in der Geschichte zurück scheint es als hätte uns die Industrialisierung die Lust am Kaufen gebracht. Die freie Produktion von Waren und deren Konsum haben einer nie versiegenden Kreativität Bahn gebrochen.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass nahezu alle technischen Errungenschaften, die wir als Resultat der Moderne betrachten, in diesem Umbruch ihren Ursprung haben. Nicht nur technologisch bringt uns diese neue Art des Wirtschaftens voran, sondern sie ist auch Ursprung vieler wissenschaftlicher Erkenntnisse. Mehr noch, wir als Spezies haben viel über unsere Bedürfnisse und Gewohnheiten gelernt, da nun die Möglichkeit besteht Menschen als ökonomisch Handelnde in mehr Freiheit beobachten und analysieren zu können.

Das Individuum ist nun mit einer so gigantischen Auswahl an Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung konfrontiert, dass sie enormer nicht sein könnte. Die Vielfalt sich in Freizeit, Beruf, Lebensweise und Moral selbst zu verwirklichen wächst stetig und ist Resultat des Kapitalismus. Nicht nur mehr Freiheit, sondern auch mehr Sicherheit werden in diesem System bereitgestellt, denn Produktion von ausgeklügelten Waren setzt ein hohes Maß an gesellschaftlicher Stabilität voraus, die gewährleistet sein muss. Ohne funktionierendes Infrastruktur für Gesundheit, Nahrung und Wahrung der Ordnung, gibt es keine Universitäten. Ohne Universitäten gibt es keine Lehrer, Professoren, Pädagogen und Wissenschaftler. Und ohne diese keine Krankenwagen, keine Notruftelefone, keine Mikrochips.

Schon bald wurden jedoch Stimmen laut, die in dieser Entwicklung weit reichende Probleme ausmachen konnten. Es wurden mit der Zeit immer mehr Auswirkungen dieser Produktion, Konsumption und schlussendlich Entsorgung deutlich. Natürliche Ressourcen werden benutzt und aufgebraucht, in Ökosysteme wird eingegriffen, der sich von sich selbst entfremdende Arbeiter wird angetrieben seine Lebenskraft der Warenproduktion zu widmen und in einer Nebenrolle gleichzeitig durch Werbung zum Konsumenten der Produktion erzogen.

Ein offensichtlich schlechter Einwand wird oft hervorgebracht: Manche Waren erscheinen als absolut sinnlose Konsequenzen dieser Entwicklung. Beliebte Beispiele hierfür sind SUVs, High-End Smartphones, eigentlich alle Produkte, die sich unter dem Deckmantel Luxusgut wohlfühlen. Oft geht damit einher zu behaupten, dass Konsumenten dahin manipuliert werden, neue Produkte zu begehren und alte deshalb zu verschmähen. Das heißt die konsumierten Produkte werden nicht nur moralisch gefärbt, sondern viel mehr nocht. In gewisser Weise spricht dies den Konsumenten ihre eigentlich nicht veräußerliche Autonomie Entscheidungen zu treffen ab. Doch dass jemand ein Produkt kauft, wird nicht durch Gewalt, Erpressung oder Androhung derselben erzwungen. Die Beeinflussung von außen kann man natürlich nicht missachten. Doch dieser Einfluss ist nicht von einem Ausmaß, dass man sich nicht einen starken Charakter vorstellen kann, der sich mit diesen in sich selbst befassen kann.

Schließlich gibt es genügend Beispiele für jeden von uns, wo wir selbst bemerken, dass Einflussnahme von außen sich nicht auf uns auswirkt und wir beiweitem nicht wie aus der Ferne gesteuert blind Waren auf Befehl konsumieren. Wir konsumieren also nicht aus purem Zwang, sondern zu einem Gutteil aus uns heraus. [Hier könnten jetzt ihre Quellen stehen. Es gibt sie. Glauben sie mir.]

Meist ist der Moment in dem man sich entscheidet eine Ware zu erstehen der beste Teil des ganzen Erlebnisses. Und genau hier setzt Maximaler Konsum an. Was wäre wenn dem nicht so ist? Was wäre, wenn wir uns wirklich bei jeder Fahrt in unserem Auto so fühlen könnten, wie der Glückspilz, der uns in der überingenieurten Werbung gezeigt wird? Wieso finden wir die Tiefkühlpizza komplett reudig anstatt genauso lecker, wie der Junge, der sie von seiner Mutti gefüttert bekommt? Ist nicht genau das, das die Vorstellung, die sich im Moment des Kaufes in uns manifestiert?

Es ist doch nicht die Tatsache, dass so ein SUV per se ein moralisch verwerfliches Ding ist, sondern vielmehr ist das Problem, dass wir eigentlich keine wirkliche Freude mit der Sache haben, die wir uns da zugelegt haben. Nur wenn man das Gefühl der Konsumierens maximiert, kann man guten Gewissens Waren fetischieren. Was soll man argumentieren, wenn jemand glaubwürdig seinen Porsche Cayenne liebt? Nur wer Autofahren verabscheut muss sich einen Twingo kaufen, oder bei Carsharing bleiben. Im Grunde sind wir darüber hinaus, Leute für ihre Vorlieben zu verurteilen, denn wir wissen zu genau, dass jeder seine Laster hat und diese im verschiedene Maße im Konsum auslebt.

Weiter. Was wäre, wenn wir die vorausgehenden Versprechen, die uns zur Konsumption motivieren, auch wirklich einfordern würden? Anstatt weniger zu konsumieren, müssen wir nur intensiver konsumieren. Wenn der Laptop Dogshit ist, wird er wieder zurück geschickt. Wenn die Tomate nicht schmeckt, schreibt man es ALDI, oder bewirft die Frau an der Kasse damit. Mehr Investment in die eigenen Kaufentscheidungen und erstandenen Produkte, würde nach sich ziehen, dass wir unsere Waren wirklich lieben, die Hersteller wollen, dass es so bleibt und wir eigentlich auch nicht immer mehr von ihnen besitzen wollen. Schließlich gehört zu Maximalem Konsum auch die Verpflichtung gegenüber der Ware sie intensiv zu genießen.

Es ergibt sich also: Maximaler Konsum verringert die Menge an waren, vermindert die Menge schlechter Waren, vermehrt tolle Waren, steigert unsere Lust am Haben und hebt unseren Widerwillen zur Entsorgung.

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