Quotendiskussion

Bei uns an der Uni soll es ein Gremium geben, welches die Interessen von Doktoranden vertritt. Dabei soll eine Quotenempfehlung für Frauen von 40% in die Satzung wandern. Als kleine meditative Übung hier eine Diskussion über Gründe, Nutzen und Implikationen. Dabei soll konkret auf die Argumente eines Mitwirkenden an der Satzung eingegangen werden, welche als Zitate eingebracht werden.

Eine entsprechende Mindestbesetzung ermöglicht die Behandlung eines breiten Spektrums an Perspektiven, die in die Empfehlungen des Gremiums einfließen können und sollen.

Grundlage dieses Argumentes ist die Annahme, dass das Geschlecht eines Individuums, was in diesem Fall dazu genutzt wird die Gruppenzugehörigkeit festzulegen, etwas über dessen Perspektive auf gewisse Themen aussagt. Dies widerspricht jedoch dem Konzept des “Individuums”, denn dieses ist genau dadurch definiert, dass es auf vielen Ebenen der Betrachtung substantielle Unterschiede zu anderen Individuen ausweist. Die Gruppenzugehörigkeit bezüglich des Geschlechts als hinreichend genaue Prädiktion für die Art der Perspektive zu wählen ist schlicht viel zu kurz gegriffen. Stattdessen sollte das Argument viel mehr in der Art gestrickt sein, dass ein Gremium möglichst viele Individuen beinhalten sollte. Das heißt die Anzahl der Perspektiven ist identisch mit der Anzahl an Personen in einem Gremium. Da ein Gremium nun aber immer eine Teilmenge der Personen enthält, die es vertritt, stellt sich die Frage, wie diese Teilmenge gebildet werden soll. Im Idealfall ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine von N Personen im Gremium der Größe K landet genau K/N. Dies würde automatisch und im Erwartungswert eine perfekt paritätische Gremienzusammensetzung garantieren, wobei die zugehörigen Standardabweichungen mit der jeweiligen Gruppengröße umgekehrt proportional skalieren würden. In der Praxis ist dies nur durch zufälliges Einsortieren der potentiellen Mitglieder in das Gremium zu erreichen. Alle anderen nicht auf dem Zufall basierenden Verfahren sind verzerrt. Und wir als Gesellschaft haben uns auf die demokratische, freie Wahl als beste Approximation dieses nicht praktikablen, auf Zufall basierenden Verfahrens, geeinigt. Die Festlegung einer Quote ist demnach im direkten Widerspruch zu diesem gesellschaftlichen Konsens. Darüber hinaus muss der Beweis noch erbracht werden, dass eine Quote wirklich die Verzerrung minimiert. Denn Verzerrung hat unendlich viele weitere Dimensionen, in welche sie sich neben dem Geschlecht äußern kann.

Mitglieder der anderen Gruppe fühlen sich nicht oder unzureichend angesprochen sowie repräsentiert und wenden sich vom Gremium ab. Mitglieder der anderen Gruppe sehen keine Vorbilder im Gremium und kommen daher nicht auf die Idee sich selbst aufzustellen, außerdem werden sie weniger von den Mitgliedern der Gremien konsultiert und aktiv eingebunden.

Es gilt immernoch das Argument, dass Gruppenzugehörigkeit nichts mit individuellen Interessen und Perspektiven zu tun hat. Das heißt, dass auch an dieser Stelle das Argument, dass nur Gruppenmitglieder ihre eigenen Gruppenmitglieder adäquat vertreten können, nicht haltbar ist. Weiterhin unterstellt man in dem zitierten Argument der Gruppe, sofern man dies einmal als eine sinnvolle Sichtweise der Welt kurzzeitig akzeptiert, dass sie nicht in der Lage ist ihre Interessen selbstständig durch Aufstellen von kompetenten Kandidaten zu vertreten. Der letzte Teil des obigen Arguments basiert lediglich auf Mutmaßungen, die wohl nicht einmal belegt werden können – ist also absolut wertlos.

Ein Effekt, der als Erklärung für die “gläserne Decke” (Beschreibung, des Umstandes, dass insbesondere Frauen über eine bestimmte Stufe der Hierarchie nicht hinauskommen) beschrieben wird, ist der Umstand, dass (teils unbewusst) Personen ähnliche Personen nachziehen, was dazu führt, dass es wahrscheinlicher wird, dass durch die dominierende Gruppe mehr Kandidat_innen der eigenen Gruppe nachgezogen werden, indem sie bspw. ermuntert werden, zu kandidieren und ihre Meinung dazu zu geben.

Das Argument deutet darauf hin, dass sich der Formulierende nicht im Klaren darüber ist, welchen Zweck Hierarchien in unserer Gesellschaft erfüllen und woher sie kommen. Hierarchien sind, ganz abstrakt gesprochen, Systeme zur Selektion und Klassifikation und Bewertung von Individuen. Ich denke, dass der Autor des Arguments Hierarchien als Konstrukte von Macht sieht – dies ist aber in mehr Fällen komplett falsch als richtig. Beispielsweise gibt es eine Hierarchie der Fußballer, welche die Individuen nach ihrer Fähigkeit als Fußballer tätig zu sein einsortiert. Ganz oben befinden sich die absoluten Top-Stars mit absolutem Feingefühl für den Ball, doch je weiter unten man diese Rangordnung betrachtet, sinkt das Niveau des Fußballs, der gespielt wird. Hierbei ist zwar Macht immer ein Instrument in der Erhaltung eines gewissen Zustandes, doch das hauptsächliche Kriterium innerhalb der Rangordnung ist die Kompetenz im Fußball. Jede Hierarchie hat auch ein gewisses Moment der (unterbewussten) Selbstanalyse. Diese wird immer solche Individuen bevorzugen, welche möglichst viele Eigenschaften mit den Individuen teilt, die sich bereits an der Spitze befinden. Eine solche Möglichkeit der Klassifikation ist das Geschlecht, was aber nicht heißt, dass das Geschlecht als Dimension des Individuums bevorzugt wird, sondern nur die Verhaltensweisen und Eigenschaften, die damit einhergehen. Dies ist beispielsweise durch die Tatsache belegt, dass sich Menschen verschiedenen Geschlechts, die an der Spitze einer Hierarchie angekommen sind, in ihren sonstigen Eigenschaften wenig bis gar nicht unterscheiden. Das heißt also, dass die Tatsache, dass in einer Hierarchie als “gut” – in welchem Sinn auch immer – befundene individuellen Eigenschaften von dieser aktiv gefördert werden, kein Missstand ist, sondern inhärenter Zweck, warum dieses Hierarchie überhaupt existiert.

Dies hat seinen Grund wiederum darin, dass wir es gerade bei einem empfehlenden Gremium eine möglichst große Bandbreite an Perspektiven einfließen haben wollen und deshalb die einzelnen Gruppen entsprechend vertreten sein sollen.

Das Argument ist hier immernoch genauso falsch, wie es das oben war.

Ein weiterer Punkt, der meiner Meinung nach aktuell ebenfalls nicht zu vernachlässigen ist, ist der Umstand, dass in vielen Fällen die Zeit der Promotion mit der Familiengründung zusammenfällt, wobei durch Schwangerschaft und anschließende Kinderbetreuung trotz aller positiven Entwicklungen hinsichtlich Elternzeit insbesondere Frauen im Fortkommen bei der Promotion betroffen sind. Dies ist eine besondere Perspektive, die meiner Meinung nach ebenfalls ein hohes Gewicht rechtfertigt, da sie von männlicher Seite kaum in adäquater Form eingebracht werden kann.

Ich finde zunächst mal die Intension des Argumentes gut. Zuerst spricht es jedoch implizit Männern den Wunsch ab sich genauso wie Mütter um ihre Kinder kümmern zu wollen. Eine Annahme, bei der man wieder von Gruppenzugehörigkeit auf individuelle perspektivische Tendenzen schließt – in diesem Falle ist es also purer Sexismus (Wiki: “Grundlage von Sexismus sind sozial geteilte, implizite Geschlechtertheorien bzw. Geschlechtsvorurteile, die von einem ungleichen sozialen Status von Frauen und Männern ausgehen und sich in Geschlechterstereotypen, Affekten und Verhaltensweisen zeigen.”), der hier das Argument untermauert. Weiterhin wird man mit einer Quote keine biologischen Fakten umgehen können. Ein Kleinkind benötigt die Sorge seiner Mutter. Dies ist ein unumstößlicher Fakt, der jedem subjektiv absolut klar und wissenschaftlich unwahrscheinlich gut studiert ist. Allein dieser Umstand führt dazu, dass Nachwuchs immer einen großen Tribut, inbesondere von der Mutter, fordert. Jedem Menschen sollte im Vorhinein klar sein, dass dies direkte Folgen auf das ganze Leben, also auch auf die eigene Promotion, haben wird. Diese existieren unabhängig davon, ob es eine Quote gibt oder nicht. Da dies wirklich jedem Menschen klar ist, also auch Männern, die genauso wollen, dass ihr Nachwuchs gut umsorgt ist, sehe ich keinen Grund, warum Frauen die Aspekte der Familiengründung in einem Gremium besser als Männer vertreten können sollen.

Zusammenfassend ist also zu sagen, dass die genannten Argumente der Souveränität des Individuum widersprechen, in jenen Hierarchien in Zweck und Funktion nicht korrekt verstanden werden und die Gruppenzugehörigkeit fälschlicherweise als hauptsächliches Eigenschaften stiftendes Moment einer Person konstatiert wird.

Was der ganzen Diskussion im Kern zu Grunde liegt, ist die Tatsache, dass wir in unserem Wertesystem und demzufolge unserer Rechtssprechung davon ausgehen, dass alle Menschen gleich sind und deswegen alle die gleichen unveräußerlichen Rechte und Pflichten besitzen. Das heißt aber nicht, dass wir wirklich glauben, dass es in der Realität so ist. Dies sind zwei völlig verschiedene Dinge. Auf der einen Seite ist uns klar, dass vor dem Gesetz (als Sinnbild für jegliche Bewertung von Handlung) alle Menschen gleich sein müssen, damit es keine Benachteiligung gibt. Gleichermaßen ist uns klar, dass jeder Mensch einzigartig ist. Diese Einzigartigkeit führt dazu, dass wir innerhalb der Gesellschaft einen bestimmten Platz einnehmen. Dieser Platz wird von allem Möglichen bestimmt und wir verstehen diese Platzfindung als Prozess nur sehr ungenau. Unter anderem spielen die individuellen Stärken und Schwächen des Menschen als Ganzes ein große Rolle. Diese haben direkten Einfluss darauf, wo wir am Ende landen und welche Rolle wir übernehmen. Aber obige Gleichheit vor dem Gesetz ist absolute Voraussetzung dafür, dass jeder diesen Platz ungehindert einnehmen und behalten kann. Denn die Ungleichheit in der Verteilung von gewissen Merkmalen auf gewisse Teile der Gesellschaft ist nicht(mehr) Auswirkung der Gesetzgebung, sondern hat diese zur Voraussetzung und der wahre Grund dafür ist die individuelle Verschiedenheit der Menschen.

Wenn man also die Gesetzgebung ändert, weil man Ursache mit Voraussetzung vertauscht hat, so begibt man sich direkt in das Chaos der moralischen Unsicherheit, denn das Fundament in Form der Souveränität des Individuums ist verschwunden.

»Wohin ist Gott?« rief er, »ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen! Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besaß, es ist unter unsern Messern verblutet – wer wischt dies Blut von uns ab?

F. Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft