Vom den einen zu dem Einen

Als Menschen nehmen wir die Welt zunächst als Individuen wahr. Jedes Individuum ist in einer Gruppe verhaftet, im kleinsten Fall in einer Familie, welche meist mit noch vielen anderen in Kontakt steht, sodass sich schlussendlich eine Gesellschaft ergibt. Diese kann alle möglichen Ausgestaltungen annehmen und die Interaktionen der Individuen in diesen können mehr oder minder angenehm erscheinen. Fakt ist, dass ein Zusammenspiel der Individuen stattfindet, welches ultimativ die Vorgänge innerhalb der Gesellschaft ausbildet und wir diese als solche wahrnehmen. Das heißt nicht nur, dass die Wahrnehmung im Individuum erfolgt, sondern dass auch die Motivation zu Handlungen und die Bewertung den Individuen entspringt.

Nun sind unsere kognitiven Fähigkeiten so weit entwickelt, dass wir in der Lage sind die Gesellschaft überhaupt erst einmal als Begriff zu schaffen und diesen dann zu untersuchen. Das heißt wir erkennen Regelmäßigkeiten, fassen diese mit weiteren Begriffen in Gesetze und können so nicht nur den aktuellen Zustand einer Gesellschaft beschreiben, sondern auch dessen fortschreitende Entwicklung. All diese Dinge werden in den Wirtschafts-, Geschichts- und Sozialwissenschaften erforscht. Diese erlauben uns tiefe Einblicke in unsere eigene Lebensweise und eröffnen Möglichkeiten der makroskopischen Beschreibung von mikroskopischen, atomischen, individuellen Interaktionen.

Eine Art “Beweis” hierfür ist die Gestalt der Grundannahme der modernen Wirtschaftstheorie, welche vom individuell und für seinen eigenen Vorteil agierenden Menschen ausgeht, und dann hieraus die ganzen makroskopischen Phänomene sich erklären lassen. Ein Ansatz, welcher axiomatisch nicht bis zum Individuum hinunter reicht, war bis jetzt in diesem Gebiet nicht erfolgreich die ökonomischen Phänomene zu erklären. Dies kann man vielleicht als Scheitern des menschlichen Intellekts deklarieren, oder als inhärente Eigenschaft des Gegenstandes. Gegeben den Erfolg der Resultate, die aus diesem Individualismusaxiom entspringen, würde ich zu zweiteren tendieren.

Ein weiteres Beispiel für diese Art die Gesellschaft zu schaffen ist das Prinzip der Demokratie, bei welchem ein politischer Konsens dadurch erreicht wird, dass frei agierende Individuen ihre Meinung kund tun. Das heißt auch im Politischen beginnt man beim einzelnen souveränen Menschen, dessen Interaktion mit den Anderen schlussendlich auf makroskopischer Ebene eine politische Landschaft ergibt. In diesem Sinne sind also Kapitalismus und Demokratie auf axiomatischer Ebene analog konstituiert.

Darüber hinaus gibt es deshalb sofort eine Einteilung in gute und schlechte Gesellschaften, eine Art Ethik für Gesellschaftsformen oder der gefundenen Strukturen innerhalb dieser. Doch diese Bewertung entsteht auch wieder schlussendlich am Maßstab der Individuen. Denn woran auch sonst soll die ethische Qualität einer Gesellschaft sich manifestieren als an den Befindlichkeiten Einzelner? Beispielsweise eine Gruppe innerhalb einer Gesellschaft kann nicht leiden, herrschen, ausbeuten oder sonst irgendeine Handlung vollziehen. Nur Individuen können handeln. Eine Gruppe handelt oder empfindet immer nur indirekt über das Handeln und Empfinden ihrer Mitglieder.

Beide Fähigkeiten, die Beschreibung und Bewertung, sind absolut nützlich, weil wir so als Individuen in der Lage sind über uns selbst hinaus zu wachsen, also die zuerst subjektive und sehr lokale Wahrnehmung zu einer kollektiven, globalen auszudehnen. Wir haben Werkzeuge geschaffen, wie wir der eigenen individuellen Beschränktheit entkommen können, um von einem “großen Ganzen” zu sprechen und dieses zu behandeln.

Hierbei rückt die Gesellschaft als “Ding” selbst immer stärker in unsere Wahrnehmung und gewinnt mehr und mehr an Substanz. Je weiter unsere Fähigkeiten wachsen dieses makroskopische Ding zu beschreiben, desto realer wird es auch für uns. Es scheint immer mehr der Fall zu sein, dass die Gesellschaft und deren Beschreibungsmechanismen die Realität bis hinunter zum Individuum abbilden. Dies ist auch absolut nicht verwunderlich, da ja unsere Beschreibung immer akkurater, verfeinerter und akribischer die beobachteten Prozesse einzufangen vermag. Das heißt das Bild, das innerhalb der Gesellschaft von ihr entworfen wird gewinnt zunehmend an Bedeutung und Gewichtung.

Ultimativ führt dies erstens zu dem Trugschluss, bei welchem man meint, die Gesellschaft sei veränderbar indem man die Strukturen, welche man gefunden hat, direkt verändert. Doch da die Gesellschaft nur als makroskopisches Phänomen, welches ein Konglomerat von individuellen Handlungen und Meinungen darstellt, existiert, besteht diese Möglichkeit nicht. Doch je genauer unsere Beschreibung von Gesellschaften auch individuelles Handeln abbildet, desto seltener lässt sich dieser Trugschluss als solcher entlarven. Doch die einzige Möglichkeit auf gesellschaftliche Strukturen einzuwirken ist demnach die Veränderung des Verhaltens der Individuen, die diese Gesellschaft konstituieren. Denn wo auch sonst soll dieser Punkt – dieser Hebel – sein, an welchem man ansetzen kann um die bestehenden Verhältnisse zu verändern? Diese zentrale Einsicht bedeutet nicht, dass keine globalen Veränderungen einer Gesellschaft möglich sind, sondern dass deren Realisierung nicht direkt durch Einfluss auf die Gesellschaft möglich ist, sondern dass genügend Individuen innerhalb dieser in gewisser Weise kohärent beeinflusst werden müssen. Erst über diesen Umweg kann man dann schlussendlich eine strukturelle Veränderung innerhalb einer Gesellschaft erwirken. Dies bedeutet auch nicht, dass innerhalb der Gesellschaft keine Motivationen oder Abschreckungen installiert werden können, um die Situation zu beeinflussen, sondern dass diese eben erst bei den Individuen ankommen und wirken müssen, bevor eine strukturelle Veränderung wahrnehmbar wird.

Zweitens entsteht der Eindruck, dass Individuen unter einer Gesellschaft leiden können. Doch Einzelne können nur unter anderen Individuen und sich selbst leiden. Gesellschaftliche Strukturen sind Ausdruck und Folge dieser Leiden, doch nicht Ursache. Dies soll nicht heißen, dass Leid und das Gefühl von Unterdrückung nicht real sind, oder nicht tatsächlich also solche empfunden werden, sondern dass wiederum Ursache und Wirkung vertauscht wurden. Nur das bereits bestehende Leid und Unglück können innerhalb der Gesellschaft beobachtet und gefunden werden, wenn diesen denn kohärent innerhalb dieser bei genug Individuen auftreten.

Zusammenfassend ist also zu sagen, dass man die Gesellschaft immer als makroskopisches, globales Phänomen ansehen sollte, welches hinreichend kohärente individuelle, lokalt Handlungen, Interaktionen und Meinungen abbildet. Daraus ergibt sich direkt, dass jede Bewertung, Beschreibung und jede Veränderung von einem gesellschaftlichen Phänomen beim Individuum beginnen und enden muss. Darüber hinaus ist jede Beschreibung von politischen, sozialen, wirtschaftlichen oder historischen Vorgängen, welche nicht am Individuum angreift, eine somit inhärent unzureichende und sollte auch als solche behandelt werden. Das heißt es müssen das richtige Abstraktionsniveau und die adäquaten Nebenbedingungen angegeben werden unter denen diese Beschreibung als korrekt angesehen werden kann. Ansonsten ist man der Illusion unterlegen, diese Beschreibung sei die Realität.